Juni 2020

Impuls

Ich habe zugesagt.

Also, einen Artikel soll ich schreiben; gut. Okay. Aber worüber schreibe ich denn?

Dass ich schon als Kind getanzt habe und Tänzerin werden wollte und Ballett gespielt habe, aber als dickes kleines Kind mit Brille nicht nach Würzburg in die Ballettschule geschickt wurde weil das peinlich war?

Nein. Das interessiert niemanden.

 

Dass ich über den Umweg der Erzieher Ausbildung, - der Umweg der das Fundament meines Lebens wurde-, eine Stunde Volkstanz in der Woche hatte bei Schwester S. Agnes, meiner Rektorin, Gott hab sie selig, mehr breit als lang, ein energetisierter Flummi, wenn sie tanzte? Ob sie uns als Caller in der Ecke der Turnhalle beim Squaredance instruierte oder beim Einführen der Tänze eine grazile Beweglichkeit zeigte, die man ihrer Fülle niemals zugetraut hätte: tanzend war sie ein völlig anderer Mensch, ein Ausbund von Freude und Glanz. Vorbild.

Der „ Volkstanz“ montags in der 8. Stunde war ein Highlight der Woche. Nicht nur mein Herz erfreute sich, sondern meine Seele beschwingte.

Schrecklich waren die Namen der Tänze, die frau sich merken musste um die Prüfung am Ende (Präsentation, Anleitung und Durchführung) zu bestehen. Heute kaum zu glauben, aber da war Hilfestellung durch meine Mitschüler nötig.

 

Könnte das interessieren?

 

Rhythmik und Jazztanz erweiterten meine tänzerische Grundausbildung. Musik in allen Facetten, der freie Ausdruck, die Stärkung des Indivduums durch die rhythmische Ausbildung, die Forderung nach dem Fluss der Kreativität. Weich fließend experimentell.

Dagegen der Jazztanz in seiner strengen Formation. Körperertüchtigung, bis an die Grenze gehen und darüber hinaus, schwitzen. Das war, was ich wollte.

Dem habe ich zugesagt.

 

Ob das jemanden interessiert?

 

Wo ich hin kam suchte ich in meiner Freizeit Menschen die tanzten. Bei den Salesianern in München oder an der Uni in Freiburg, im Folkclub oder der Disco, auf dem Ball oder in meinem 9qm großen Zimmer...

Parallel dazu die Suche: was heilt? Was macht ganz? Wie begleite ich Menschen auf dieser Suche? Welche Methoden gibt es und welche Methoden helfen wem? Welche eignen sich für mich in meiner Berufung am besten? Was ist Heilpädagogik?

Dann kam die Offenbarung.

Im Studium erlebte ich den Dozenten für heilpädagogische Rhythmik, Wolfgang Brödel, ein in der Schweiz lebender und arbeitender Theologe und Heilpädagoge.

Freitagvormittag 4 Stunden Rhythmik nach Scheiblauer und Höllering, focusiert auf die Arbeit mit gehandicapten Menschen: geistig, sozial, emotional, körperlich.

Er setzte sich ans Klavier und begann mit einer morgendlichen Einstimmung durch Tanz: Stehen im Kreis, atmen, wiegen, schreiten,… Klassische Musik.

Mein erster „Sonnentanz „ von Bernhard Wosien.

Ich wußte nicht was geschah: ich war da und weg zugleich, innen und außen, geöffneter Raum, Transzendenz. Gipfelerlebnis.

Musik und Bewegung führten mich zu einer unbekannten Ebene. Ich kam in den Flow. Das war großartig. Da wollte ich bleiben.

Ich habe zugesagt.

 

Mein Interesse war geweckt: was ist das? Ich will mehr wissen, erfahren.

Ich hörte: aus einem Workshop beim Frankfurter Tanzkreis...

Aha. Was es alles gibt!

Die eine Stunde Einstimmung in der Woche zeigte mir eine neue Dimension des Tanzes. Ich suchte nach Möglichkeiten um zu vertiefen.

So entstand mein Suchweg im Kreistanz und ich reihte mich in viele Kreise ein. Viele Lehrer und Lehrerinnen zeigten mir ihr Können mit den Überlieferungen aus den Völkern in der Folklore, aber auch in neuen Choreografien. Manche brachten etwas von der Tiefe zum Ausdruck. Ich durfte viele Persönlichkeiten kennenlernen und mich beschenken lassen.

Besonders berührt wurde ich, wenn religiöse Inhalte umgesetzt wurden.

Ich suchte Gleichgesinnte und fand diese in den Schriften der christlichen, jüdischen und muslimischen Mystiker und kontemplierenden Menschen.

 

Ist das noch interessant?

 

Meine religionspädagogische Ausbildung erweiterte sich durch philosophische Studien.

Ich schaute über den Gartenzaun meiner katholischen Prägung und Ausbildung.

Die verschiedenen Religionen und ihre Mystik stillten meinen Hunger. Themen, die sich über den Gebäuden der Religionen wiederholten und im Tanz durch den körperlichen Ausdruck Gestalt fanden wurden meine Meditation. Letztendlich auch mein Gebet.

Ein Tun, in dem ich Ruhe und Frieden fand.

 

Ich habe zugesagt.

 

Wenn ich tanze werde ich zum Schnittpunkt zwischen Himmel ud Erde.

Ich nehme Haltung ein, spüre den Boden unter den Füßen, richte mich auf und aus. Ich öffne mich für das Göttliche und „es“ beginnt in mir zu tanzen.

Es ist nie langweilig; Übung.

Bei mir sein und beim anderen - in Gemeinschaft kommendes Miteinander ohne Worte.

 

Glück.

 

Ob die Lesenden noch nachempfinden können, was ich da schreibe?

 

Musik kam zu mir – am Anfang durch Geschenke von Freunden. Ich hörte sie mir an, begann mich zu bewegen und es entstanden eigene Tanzformen, treu meiner rhythmischen Ausbildung.

Mein Inneres fand eine Form im Außen, nahm Gestalt an in Gesten und Gebärden, schuf Raum um Abbild zu werden.

 

Ertanzungen eben.

 

Ich habe zugesagt.

 

Die Themen, die meine Seele bewegten, zeigten Ausdruck. Andere Menschen schwangen sich ein und teilten dieses Erleben, fanden einen Teil der eigenen Wahrheit.

Es entstand Kontemplation im Tanz! Mehr als das Sitzen in der Stille - im Miteinander der Bewegung und des Rhythmus mit und ohne Handfassung, in individuellem Ausdruck, eingebettet in der Form des Kreises.

Ein Weg von der Vielheit zurück in die Einheit. Ein Empfinden ohne Worte und tiefes Spüren in der Realität des Klanges der ausgewählten Musik.

 

Ich habe zugesagt.

 

Das interessiert.

 

Sehr gut kommen meine Worte zum bewegten Ausdruck mit der Musik von Helge Burggrabe.

 

Ich habe zugesagt.

Hier bin ich – hineni.

 

Ich gehe tanzend meinen Weg, lang kurz kurz, lang kurz kurz, in W-Haltung.

Ich öffne mich empfangend der Mitte, ausgedrückt durch meine leeren Hände beim Schritt hinein.

Vom Herzen aus strecken sich beide Arme lang in Himmel und Erde beim Schritt zurück zum Ursprungskreis. Wichtig ist dabei, die aneinander abstreifende Gebärde der Hände.

Beim ersten Seitschritt drehen sich beide Arme vom Herzen aus in die allumfassende Weite des Kreises.

Beim zweiten Seitschritt fließen die Hände aus der Weite zu meinem Herzen.

Die Fülle meines Herzens gebe ich mit einer Gebärde in die Welt bei der abschließenden raumgreifenden Drehung um die rechte Schulter.

 

Am Ende stehen wir in W-Haltung.

Ausgerichtet auf die äußere Mitte, verbunden mit der inneren Mitte.

Mein Zentrum im Zentrum.

 

Hier bin ich.

Dazu habe ich zugesagt.

 

Menschen auf diesem Weg des Tanzes, der Vertiefung, der Ganzwerdung, der Heilwerdung zu begleiten und auszubilden.

Türen zu öffnen, Räume zu schaffen, Erfahrungen zu ermöglichen um den Alltag damit zu bereichern...

Erfahrungen durch Tanz zu ermöglichen. Ertanzungen eben.

 

Für `s Leben.

 

Und jetzt mit Corona?

Bleibt diese alte archaische Form des Kreises erhalten?

Der Kreis als Symbol für Gott?

Sichtbar werdend im, durch die Bewegung harmonisierten, Tanzkreis?

 

Große Sehnsucht erfüllt mein Herz nach diesem Tun.

Mein Herz – Cor – Corona, der Herzkranz.

Ja. Es muss doch möglich sein einen Kranz zu bilden!

Ohne Anfassen eben.

Die Luft verbindet uns; der Abstand stärkt uns in unserem eigenen Raum.

Verbundenheit entsteht durch gleiche vorgegebene Bewegung.

Die Luft trägt die Musik und wir werden im Tanz getragen durch die Musik.

 

Wir tanzen.

Tanz ist Leben.

Sagen wir zu.

Ja.

 

Interessant!

Frankenberg, 12 05 2020 Petra-Maria Knell