Ein Frühlingstanz in der S-Bahn
Es ist ein warmer, sonniger Frühlingstag mitten in der Coronazeit. Mit dem vorschriftsmäßigen Mund-Nasenschutz steige ich in die S-Bahn und lasse mich im geräumigen Fahrradabteil nieder. Mein Blick fällt auf ein kleines Mädchen gegenüber, etwa 5 Jahre alt. Ihr Kindergesicht ist mit einer geblümten Maske geschmückt. „Guck mal, Omi“ sagt die Kleine zu der Frau neben ihr, „was ist das?“ Dabei deutet ihr kleiner Finger auf etwas Undefinierbares am Boden. Doch Omi hört nicht. Sie ist intensiv in eine Diskussion mit Opi verwickelt. Denn beide haben irgendein Problem mit ihren Handys. Nach ein paar weiteren Versuchen, Omis Interesse zu wecken, gibt die Kleine auf. Unsere Blicke treffen sich. Unwillkürlich beginne ich mit meinen Augenlidern Kontakt aufzunehmen. Die Kleine reagiert sofort und bewegt nun auch ihre Augenlider. Bald beginnt ein kleines Wimper-Klimper-Spiel zwischen uns. Mal ist das eine Auge dran, mal das andere. Die Kleine hat offensichtlich Spaß daran. Ich sehe sie hinter ihrer Maske lachen. Schon bald kommen auch unsere Finger ins Spiel. So gut es geht, reihen sich sogar unsere Füße in diesen Tanz ein. Da legt Opi plötzlich sein Handy weg und wendet sich seiner Enkelin zu „Na, freust du dich schon?“ Die Kleine nickt heftig. Als ich zur Tür gehe, um auszusteigen, winke ich ihr zum Abschied noch einmal zu. Doch sie sieht mich nicht mehr. Ihre Großeltern sind jetzt wichtiger. Gut so, denke ich, und gebe der kleinen Familie noch einen stillen Segen mit auf den Weg.
Auf dem Bahnsteig fühle ich mich nicht nur von der milden Frühlingsluft berührt, die nun ungehindert mein maskenfreies Gesicht erreicht. Wie einfach und bereichernd können kleinste Begegnungen sein, wenn wir uns mit ihnen beschenken lassen.
Ille Ochs
